Will ich sehen, was auch immer erkannt werden soll?

Do 28.05.2026

Mk 10:46–52 Die Heilung des Bartimäus

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

46 Und sie kommen nach Jericho. Und als Er aus Jericho hinausging mit Seinen Jüngern und einer beträchtlichen Volksmenge, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, ein blinder Bettler, am Weg.

47 Und als er hörte, dass es Jesus, der Nazarener, sei, begann er zu schreien und zu sagen: Sohn Davids, Jesus, erbarme Dich meiner!

48 Und viele bedrohten ihn, damit er schweige; er aber schrie umso mehr: Sohn Davids, erbarme Dich meiner!

49 Und Jesus blieb stehen und sprach: Ruft ihn! Und sie rufen den Blinden und sagen zu ihm: Sei guten Mutes! Steh auf! Er ruft dich!

50 Er aber warf seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus.

51 Und Jesus antwortete ihm und sprach: Was willst du, dass Ich dir tun soll? Der Blinde sprach zu Ihm: Rabbuni, dass ich wieder sehen kann.

52 Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin; dein Glaube hat dich gerettet. Und sogleich sah er wieder und folgte Ihm auf dem Weg.

Symbolischer Text

Dieser Text steckt voller Symbole.

– Es geschieht als letzte Tat Jesu, kurz vor dem Einzug nach Jerusalem. Also schon auf dem Leidensweg Jesu.

– Der Name des Blinden ist בַּר טִימַי — „Sohn des Timai“. Bar ist die aramäische Form von Ben. Timai ist griechisch (etwa „der Angesehene“). Markus wiederholt den Namen, wenn er sagt, er ist der Sohn des Timäus. Er ist eindeutig Jude, aber gehört doch zur Schnittstelle von Griechen (also Heiden) und Juden.

– Jericho. Für sich eine Geschichte. Neben Damaskus vielleicht die älteste Stadt der Welt, die ununterbrochen bestanden hat (seit ca. 9.000-8.000 v. Chr.). Oasenkultur am Rande der Wüste. Die erste größere Stadt, die Israel erobert hat. Die Stadtmauer, die dabei fiel, war ein typisches Symbol für Jericho.

– Ein Blinder ist nicht einfach jemand, der ein körperliches Gebrechen hat. Ich habe mehrmals dazu geschrieben, dass ein physisch Blinder in der Regel nicht danach fragt, sehend zu werden. So habe ich es von meinem blinden Freund gelernt.

Jericho ist eine Stadt voller Dattelpalmen und Balsamduft, voller Wohlstand und Sinnlichkeit. Bartimäus verlässt sie mit Jesus.

Und wozu? Um Ihm nachzufolgen auf Seinem Weg.

Will ich das sehen?

Will ich geistig sehend werden, wenn das bedeutet, dass ich erkenne, welcher Weg wirklich zu gehen ist?

Bartimäus erkannte den Sohn Davids – schon als Blinder.

Erkenne ich Jesus so sehr als Sohn Davids, dass ich in Seiner Gefolgschaft jeden Weg gehen will?

Will ich Dir folgen, wie Ruth Naomi gefolgt ist? Und darüber hinaus! Denn es ist die Nachfolge einer Person, die Nachfolge von dem, der das Leid der Welt sieht.

Ohnmächtiges Sehen

Die erste Geschichte, die Bartimäus sehen wird, ist die Geschichte der Ohnmacht von dem, der ihn sehend gemacht hat. Von dem, den er als Sohn Davids erkannt hatte. Sein Sehen bringt ihn in eine schwere Prüfung.

Anders als Bartimäus kenne ich den Weg Jesu.

Ich weiß, dass die Anteilnahme an Seinem Weg immer mit Leid verbunden ist.

Will ich das dennoch, mit eben der Entschlossenheit des Bartimäus?

Offene Augen

Jesus sieht das Leid der Welt.

Vor allem das Leid des je Nächsten.

Es gibt einen natürlichen Reflex, sich nicht zu viel mit dem Schmerz, dem Leid anderer zu befassen, es nicht zu sehr anzuschauen.

Gerade dann, wenn ich ohnmächtig bin.

Und Jesu wichtigste Eigenschaft war nicht Seine Macht, sondern das Tragen der Menschen in Ohnmacht.

Ich traf einen Christen, der viel Gutes tut, aber weise genug ist, zu erkennen, wo seine Hilfe keine Frucht bringt und sie darin ihn selbst zu sehr belastet.

Ja, das ist weise.

Will ich denn unweise sein?
Unweise, indem ich bei Jesus stehe, in Seinem Leid und in Seiner Ohnmacht?

Liebe ich Dich, Dich und Deine Menschen mehr, als den weisen Umgang mit mir selbst?

Das ist nichts, was man von jemandem verlangen kann – aber dennoch.

Ich will sehen.

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