Der Schriftgelehrte in mir

Sa 06.06.2026

Mk 12:38–44

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

38 Und in Seiner Lehre sprach Er: Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern umhergehen und die Begrüßungen auf den Marktplätzen lieben

39 und die ersten Sitze in den Synagogen und die Ehrenplätze bei den Gastmählern,

40 die die Häuser der Witwen verschlingen und zum Schein lange Gebete verrichten. Diese werden ein umso schwereres Gericht empfangen.

41 Und Er setzte Sich dem Schatzkasten gegenüber und sah zu, wie die Volksmenge Geld in den Schatzkasten einwarf. Und viele Reiche warfen viel ein.

42 Und eine arme Witwe kam und warf zwei Lepta ein, das ist ein Quadrans.

43 Und Er rief Seine Jünger zu Sich und sprach zu ihnen: Amen, Ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr eingeworfen als alle, die in den Schatzkasten eingeworfen haben.

44 Denn alle haben von ihrem Überfluss eingeworfen; sie aber hat von ihrem Mangel alles eingeworfen, was sie hatte, ihren ganzen Lebensunterhalt.

Wo sehe ich solche Schriftgelehrten?

Überall.

Christen, die andere ermahnen, keine Schimpfwörter zu benutzen – aber selbst so schnell antworten, dass offenbar ist: Sie haben nicht zugehört.

Bibelkenner, die schnell den Kopf schütteln und „nicht verstehen“, wie man so falsch liegen kann – selbst aber seit Jahren auf der Stelle treten.

Es ist der Alltag.

Der Anteil der Rede über die anderen, die Fehler, ja die Schuld der anderen ist oft nahe bei 100 %.

Und ich selbst

Vor kurzem habe ich mich geärgert, dass niemand meine Telegrammabfrage beantwortet – und stelle nun fest, man muss „View Results“ drücken (bei WhatsApp sieht man schon vorher etwas).

Nicht das Nichtwissen war der Fehler, sondern die Vermutung, dass es an den anderen liegt.

Es ist ein Indiz für eine Seuche des Herzens. Zu meinen, ich sehe einen Fehler bei dem Bruder, einen Splitter in seinem Auge.

Was ist das Kernproblem daran?

Heute sehe ich: Es gibt einen Zusammenhang mit dem Scherflein der Witwe.

Das Scherflein der Witwe

Sie gibt alles von ihrem Besitz.

Und es geht nicht nur um Geld.

Es geht um Besitz. Besitz von Erkenntnis, Wissen, Tugend, Frömmigkeit etc.

Und: Solange ich „bescheiden“ bin und den anderen „auch“ gelten lasse, bin ich noch Herr in meinem Haus.

Ich gebe etwas von meinem Überfluss.

Verzichte hier und da darauf, recht zu haben. Entschuldige mich für meinen Anteil am Fehler (und nenne es Irrtum oder Missgeschick).

Aber ich bleibe Herr über meinen Selbstwert.

Übrigens auch dann, wenn ich mich zumeist als Opfer deute und fühle. Opfer sein heißt unschuldig sein.

Aber unschuldig sein heißt auch: Verantwortung(s)-los zu sein.

Was passiert nach dem zweiten Scherflein?

Solange ich nicht das zweite Scherflein einlege, bin ich nicht in der Hand Gottes – sondern in meiner eigenen.

Nicht so sehr finanziell. Vielmehr von meiner Selbstbestimmung, meiner Selbstbehauptung her.

Ich werde nun zum Lamm, das von jedem gefressen werden kann.

Jedenfalls, wenn es keinen Gott gibt, der sich kümmert.

Wer bin ich denn dann?
Ein Niemand? Jemand, der für nichts einsteht?

Doch.

Der neue Mensch

Ich erhalte dann die Ehre Gottes.

Seine Würde ist meine Würde.

Wer mich schmäht, schmäht Ihn.

Denn ich stehe nicht als selbst da, sondern an Deiner statt.

Tapfer, aufrecht, getrost.

Gott lässt die Seinen nicht ohne Würde zurück, wenn auch nach einer Phase der Selbstentäußerung.

Aber nur, wenn es nicht eine Selbstanmaßung ist.

Nur, wenn es nicht aus innerer Schwäche geschieht.

Nur, wenn es nach einer personalen, freien Entscheidung passiert.

Empfangen – nicht genommen.

Hinweise

Es gibt einen Zusammenhang mit dem Text „Das eitle Gewissen“.

Und ein seelsorgerlicher Hinweis: Es ist wichtig zu wissen, wo man auf seinem geistigen Weg steht. Und dieser Weg darf nicht allein gegangen werden.

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