Di 16.06.2026 💐 Harald
Mt 5:43-48 Von der Feindesliebe
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
43 Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen,
45 damit ihr Söhne eures Vaters werdet, Der in den Himmeln ist. Denn Er lässt Seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
46 Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?
47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die Heiden dasselbe?
48 Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
Hinweis: Jesus zitiert nicht die Thora. In der Thora ist nie vom Hass der Feinde die Rede – im Gegenteil.
Erleben
Gestern habe ich mit einem engen Freund ein wichtiges Gespräch geführt. Es ging um das Thema des Erbes des Nationalsozialismus in der eigenen Familie für die zweite und dritte Generation. Anlass war ein Seminar von Jobst Bittner, an dem ich selbst allerdings nicht teilgenommen habe.
Verletzungen, die Kinder durch ihrerseits verletzte Eltern in der Kindheit erlebt haben, führen zur inneren Distanzierung von eben diesem Thema. Der Schmerz ist so groß, dass er ausgeklammert wird, um nicht die übrige Beziehung – oder sogar meine eigenen, aktuellen Beziehungen zu belasten.
Inwiefern ist dadurch mein größter Feind in der eigenen Familie?
In der eigenen Familie
Nichts prägt mich tiefer als meine Familie. Und die Familie wird vom Schicksal des Volkes geprägt. Ich erbe nicht nur meine Gene, ich erbe vor allem mein „Haus“, wie es die Bibel nennt.
Damit ist niemand mir näher als meine Eltern. Jede Verletzung durch sie ist schwerwiegender als andere. Damit werden sie mir vielleicht nicht gleich insgesamt zu Feinden, aber doch in den Bereichen, die mich bis heute „triggern“, wie man sagt. Und die übliche Methode, Dinge auszusprechen und zu klären, funktioniert bei den Eltern meistens schlecht oder gar nicht. Es kann sogar das Problem vergrößern.
Die „Decke des Schweigens“ wegzureißen empfehle ich nicht, aber dies ist ein anderes, größeres Thema.
Strategien
Wir haben als Strategie zunächst die Vermeidung, das Tabuisieren. Es reduziert den akuten Schmerz, verschiebt den „Dämon“ aber nur an andere Stellen.
Auch das Aufdecken und Klären funktioniert häufig nicht. Und selbst wenn, es bleibt immer noch die alte Wunde, der alte Schmerz, wenn auch vielleicht etwas milder.
Die christliche Strategie der Vergebung wird auch oft zu früh gefordert und zu pauschal angewendet. Ich beobachte, dass die Ergebnisse oft weniger gut sind, als zu erwarten wäre.
Ich fasse diese Punkte hier nur zusammen, weil ich etwas benennen möchte, was ich kaum je höre.
Annahme
Die Annahme des Anderen, der Eltern und der Familiengeschichte ist ein zentraler Punkt. Dazu gehört besonders auch die Annahme der Schmerzen, die dadurch da sind und auch nicht einfach weggehen.
Annahme heißt nicht, die Dinge gut zu nennen – aber sie verteilt auch keine Schuld –, sondern sie trägt die Schuld und den Schmerz mit.
Es ist dieselbe Annahme, die Gott mir gewährt. Und vor allem auch gewährte, als ich vielleicht noch keine Einsicht hatte, nicht um Vergebung gebeten habe, ja sogar mitten in meiner Rebellion.
Ich bin nicht besser als meine Väter. Auch nicht besser als die heute so verachtete Generation des Dritten Reiches.
Ich bin nicht besser!
Denn sobald und solange ich das denke, bin ich verflucht, dieselbe Schuld erneut auf mich zu laden.
Ich habe das Wort „verflucht“ mit Schmerzen notiert – ich fürchte aber, es muss da stehen bleiben.
Schuld
Es springt förmlich ins Auge, dass nicht der Irrtum das größte Problem ist, sondern die Annahme, ich wäre besser als andere.
Das hat das Dritte Reich von sich gedacht.
Das haben die Christen in Portugal gedacht, als sie die uneinsichtigen Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt haben.
Und das denken sehr viele Menschen heute.
Wenn ich sehe, dass mein Volk Deutschland vor 90 Jahren den falschen Weg ging und stelle mich über sie und richte sie – dann gehe ich genau ihren Weg. Denn sie haben über andere gerichtet. Ich aber sehe die Folgen. So sollte ich aus ihren Fehlern lernen und nicht richten.
Tue ich es dennoch, ist meine Schuld größer als ihre.
Das Richten ist die Wurzel aus der das Übel der Tat dann erwächst.
Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit eben dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch gemessen werden (Mt 7,1-2).
Heilung
Um Schuld einzugestehen, brauche ich eine Hoffnung auf einen Raum der Annahme. Sonst vernichte ich mich selbst, wenn ich meine Schuld benenne – gerade auch vor mir selbst.
Ich will dieser Raum sein. So wie Gott mir der Raum ist.
Dazu bin ich gerufen. Denn Vers 48 meint nicht Perfektion, sondern Vollständigkeit. Ich spare den Raum der Annahme nicht aus, ich öffne ihn, weil ich nach Gottes Bild gemacht bin.
Heilung geschieht in der Annahme der Last des anderen.
Weder durch Lossagung noch durch Beseitigung des Problems. Denn nichts verschwindet durch Negierung, aber alles kann gewandelt werden durch die Liebe.