„Männeraugen“

Mo 15.06.2026

Mt 5,38–42 Vom Vergelten

Der Text

Übersetzung aus dem griechischen Urtext

38 Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Auge um Auge und Zahn um Zahn.

39 Ich aber sage euch: Widersteht dem Bösen nicht. Sondern wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin.

40 Und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch den Mantel.

41 Und wer dich zwingen wird, eine Meile zu gehen, mit dem gehe zwei.

42 Dem, der dich bittet, gib; und von dem, der von dir leihen will, wende dich nicht ab.

Anmerkungen zur Peschitta

38 Die aramäische Form entspricht dem bekannten Rechtsgrundsatz der Thora. Es geht ursprünglich um die Begrenzung der Vergeltung, nicht um die Förderung von Rache.

39 Das aramäische Verb für „widerstehen“ kann auch den Sinn haben, sich entgegenzustellen oder sich kämpferisch gegen jemanden aufzurichten.

42 Die Peschitta betont wie der griechische Text die Bereitschaft zur Gabe und zum Verleihen, ohne zuerst den eigenen Vorteil zu suchen.

Zwei Stufen

Ich betrachte zunächst die Stufe, die ich „Männeraugen“ nenne. Darüber hinaus gibt es die Betrachtung der Therese von Lisieux, die vom fruchtbaren Verlust redet.

Es ist eine Gefahr, die eigenen Tabus und die eigenen Ängste zur Grundlage oder zur Begrenzung der Worte Jesu zu machen. Ich erlaube mir dann nicht, zu hören, was da vielleicht steht, weil ich die Konsequenz nicht tragen will oder sie für unnatürlich halte. Es gilt, Jesus mehr zu vertrauen als meiner Selbstsorge. Auch Seiner Sorge um mich und Seiner Weisheit ui trauen.

Realistisch

Die Worte Jesu sind zunächst realistischer und praktikabler, als es scheinen mag. In dem unterbewussten Versuch, sie abzuwehren, kann ich auch den Weg der Übertreibung wählen, um es dann für „unmöglich“ zu erklären.

Das mosaische Auge um Auge und Zahn um Zahn ist keine Aufforderung zur Rache. Das haben antijudaäische Menschen erst daraus gemacht. Sondern es war ein großer Schritt in Richtung Deeskalation.

So waren außerhalb Israels Sklaven der Willkür der „Eigentümer“ ausgeliefert. Hat aber ein hebräischer Herr einen Sklaven und verletzt ihn zum Beispiel am Auge oder schlägt ihm einen Zahn aus, musste er ihm nach diesem Gesetz des Mose die Freiheit geben.

Die andere Wange, der Mantel und auch die zweite Meile beinhalten auch eine Begrenzung. Es geht nicht darum, sich vollkommen verprügeln zu lassen, um hundert Meilen oder um das Hergeben des ganzen Besitzes – vielleicht in einem anderen Kontext, wie Therese ihn anspricht.

„Männeraugen“

Ich meine hier die Begrenzungen des Sehens, die mir als Mann an vielen Stellen passieren. Zum Beispiel beim Suchen von Dingen, die meine Frau dann ganz leicht findet. Aber auch beim Nichtsehen des anderen, eben auch der Ehefrau.

Ich kenne das von mir und habe mit Mühe gelernt, dass dies meine Verantwortung ist, ja wahrhaft meine Schuld.

In der Eheberatung ist es eines der wichtigsten Themen und braucht oft zunächst ein schmerzhaftes Einsehen der eigenen Verantwortung dafür.

Wenn es schon beim Finden von Dingen ein Problem ist, wie viel mehr ist es ein Problem, dass ich Dinge für gerecht oder ausgeglichen halte, nur weil ich sie mit meinen „blinden“ Augen anschaue!

Weil ich sie z. B. nur auf der Sachebene anschaue.

Ob die zweite Meile wirklich ungerecht ist, ob der Mantel wirklich besser bei mir bleibt – welcher Blick auf die Welt sagt mir das? Oft ist der Sachblick.

Ich sage: Die Sache selbst ist zumeist nur das Vehikel, an dem das Eigentliche geschehen kann und soll.

Es ist das Paradigma meiner Weltsicht, dass von außen gefragt wird, ob es sich einbetten lassen will in die Sicht Gottes.

Die Sicht, die ich zunächst noch nicht habe, und die mich in dem Ganzen der Liebe sieht.

Therese

Ich verweise auf den Text aus Evangelium Tag für Tag:

Lass ihm noch deinen Mantel.

Die Wahrung der eigenen Person ist auf dem Weg der Heiligung eine Station – nicht das Ziel selbst.

Ich selbst bin geborgen in Christus. Nicht zu früh – aber Schritt für Schritt werde ich frei, mich ganz Ihm zu überlassen – und dem anderen, dem Bruder in Kirche und Welt.

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