So 24.05.2026 Pfingstsonntag
Joh 20:19-23 Friede mitten in der Angst
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
19 Als es nun Abend geworden war an jenem Tag, dem ersten der Woche, und die Türen verschlossen waren, wo die Jünger aus Furcht vor den Juden versammelt waren, kam Jesus und trat in die Mitte und spricht zu ihnen: Friede euch!
20 Und als Er dies gesagt hatte, zeigte Er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.
21 Jesus sprach nun wiederum zu ihnen: Friede euch! So wie Mich der Vater gesandt hat, sende auch Ich euch.
22 Und nachdem Er dies gesagt hatte, hauchte Er sie an und spricht zu ihnen: Empfangt Heiligen Geist!
23 Wenn ihr jemandem die Sünden vergebt, sind sie ihnen vergeben; wenn ihr sie festhaltet, sind sie festgehalten.
Anmerkungen zur Peschitta (Syrisch-Aramäisch)
- „Er hauchte sie an“ erinnert unmittelbar an 1. Mose 2,7.
- Das aramäische Wort für „Friede“ trägt den Sinn von Ganzheit, Heil und Wiederherstellung.
- „Festhalten“ der Sünden meint nicht bloß ein Urteil, sondern das Verbleiben in einem ungelösten Zustand.
Wem ihr die Sünden festhaltet
Als ich katholisch wurde, hatte ich ganz neu einen hohen Respekt, fast schon Angst vor der Macht der Priester. Sie können vergeben – oder eben mir meine Sünden behalten. Bei einer Begegnung mit zwei jungen Priestern spürte ich, dass sie sich dieser Vollmacht wohl kaum bewusst waren.
Was hat es mit dieser von Jesus hier eingesetzten Macht auf sich?
Ich sehe, dass die kirchliche Macht der Sündenvergebung nicht meine ist. Aber ich sehe doch eine bestimmte Verantwortung, die ich gerade als Seelsorger und Logotherapeut habe.
Erbe und Verantwortung
Jeder Mensch, der zu mir kommt, hat ein Erbe aus der Biografie, dem familiären Umfeld, der Lebenssituation. Man kann es Schicksal nennen.
Jesus hat solche Menschen geheilt. Ich höre ihnen zu, und es heilt auch, wenn auch nicht so unmittelbar und so vollständig.
Aber jeder Mensch hat auch eine eigene Schuld. Jeder. Und darauf kommt es viel mehr an. Denn meine Schuld kommt wesentlich aus meiner Verantwortung, und damit ist sie letztlich Ergebnis meiner Würde.
Erst in dem Maße, in dem ich die Verantwortung für mich übernehme, in dem Maße trete ich in die Würde des Gegenüber-Seins ein.
Was ich aus dem Erbe mache, das ist meine Verantwortung.
Alle Menschen, die Jesus geheilt hat, sind am Ende doch gestorben.
Allein wer die Würde der Verantwortung annimmt und verantwortlich handelt, kann ein ewiges Leben haben. Denn allein der hat überhaupt ein eigenes Leben.
Und darum ist auch das erste Merkmal der Wirkung des Heiligen Geistes die Erkenntnis dieser Verantwortung und damit zugleich die Erkenntnis der eigenen Schuld.
Und damit auch die Notwendigkeit von Vergebung. Vergebung von woanders her. Keine „Entschuldigung“ im Sinne einer Entledigung. Sondern die Frage, die Bitte um Vergebung. Beim Anderen – aber immer auch beim Vater, bei meinem Schöpfer.
Und diese Vergebung steht in der Macht dessen, der vergibt.
Billige Vergebung
Vergibt nun der Gläubiger, also dem ich etwas schulde, leichtfertig, ohne dass der Schuldner seine Verantwortung recht erkannt hat, macht er sich an der Würde des anderen schuldig.
Vergebung kostet immer Autonomie. Ich kann mir nicht selbst vergeben, auch wenn das in einer Art innerer Spaltung immer wieder gesagt wird.
Sondern ich bitte um Vergebung und gebe sie in die Hand des Gläubigers.
Allzu oft geschieht es, dass die Vergebung dann aber nicht angenommen wird. Die Liebe Gottes anzunehmen, nachdem ich erkannt habe, wer ich wirklich bin. Es bedeutet Ihm Seine Liebe zu glauben.
Mich danach noch selbst anzuklagen zeigt Misstrauen gegen Gott und ein Bild von Schuld, das ich selbst aufheben könnte.
Schuld ist zwischen Menschen.
Niemand kann sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.
Heiliger Geist
Der Heilige Geist übernimmt keine Arbeit für mich oder gibt mir einfach Kraft für meine Arbeit.
Sondern er bietet mir Licht an.
Licht für all das, was ich oben beschrieben habe.
Und indem ich einwillige in die Wahrheit des Geistes Gottes, erlebe ich die Kraft, diese zu vollziehen. Deshalb sieht es von außen wie Kraft aus. Mir scheint aber, die Kraft ist zumeist schon im Wesen des Menschen angelegt – denn sonst wäre er für seine Kraftlosigkeit nicht verantwortlich und Gott hätte irgendwie Schuld, weil Er mir die Kraft nicht gegeben hat.
Ich sage: Es ist zumeist Rebellion, die die Kraft raubt.
Praxis
So ist es meine Verantwortung als Seelsorger, Menschen von der Ohnmacht der Erbschaft zur Vollmacht und Würde der Selbstverantwortung zu führen.
Nicht auf billige Weise – aber auf liebende Weise.
Denn Menschen können es wagen, wenn sie Liebe wahrnehmen.
Erleben
Gestern auf dem Israelstand hatte ich viel Zeit, mein Herz mit Liebe auf die Menschen zu richten, die vorbeigingen. So geschah es, dass ich eine Frau freundlich angeschaut habe, als sie noch ein Stück weg war. Sie ging zunächst vorbei – kehrte dann aber um, um mich mit einem Schwall von Zorn über den „Genozid“ im Gazastreifen zu überschwemmen.
Ich spürte förmlich, wie sie dadurch Luft zum Atmen bekam. Ich vermute stark, sie hätte es nicht gewagt, wenn ich nicht so freundlich gewesen wäre. Denn es klang nach Schmerz, nicht nach Bosheit.
Es ist der klassische Anfang von Heilung. Jemandem zu vertrauen, ihm den ganzen Schmerz zu benennen. Liebe öffnet Räume. Räume für den Schmerz und dann auch Räume für den Geist Gottes.
Bäume
Ich habe Stämme von Bäumen beschrieben. Nicht die Blätter. Die Blätter sind all die Einzelfälle und weiteren Dinge, die eine Rolle spielen.
Um mich im Urwald zurechtzufinden, muss ich die Bäume erkennen. Es nützt nichts, nur alle Blätter zu zählen und zu sortieren. Dennoch brauche ich Respekt vor diesen Blättern – sie sind die Entfaltung des Baumes.