Mo 22.06.2026
Mt 7:1-5 Vom Richtgeist
Der Text
Übersetzung aus dem griechischen Urtext
1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.
2 Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.
3 Was aber siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?
4 Oder wie wirst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, der Balken ist in deinem eigenen Auge.
5 Heuchler! Ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge heraus, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.
Törichtes Verlangen
In der Seelsorge schildern mir Menschen oft ausführlich, wie ungerecht die Welt – in Form von anderen Menschen – ihnen gegenüber ist. Sie rufen nach Gerechtigkeit.
Wie schrecklich.
Ich will keinesfalls Gerechtigkeit auf dieser Ebene. Ich rufe vielmehr nach Gnade. Denn ich selbst bin so ungerecht, dass, wenn mir Gerechtigkeit widerfahren würde – ich wäre verloren.
Ich weiß, dass andere Menschen mehr das leben, worüber ich nur bete und sinne. Andere Menschen tragen schwere Lasten, die ich kaum ahne. Sie tragen Dinge, die mir nicht auferlegt wurden.
Und doch flammt immer noch die Versuchung von Kritik und Überheblichkeit in mir auf. Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht.
Warum habe ich einen Balken im Auge?
Der spannende Balken ist nicht die Last, die mir auferlegt wurde. Das Erbe aus Familie und Umständen. Das ist auch da.
Spannend ist nicht der Balken, den ich hasse, sondern der, den ich verteidige.
Ich bin froh, nicht alles sehen zu können. Denn ich fürchte mich vor dem, was ich sehen würde, könnte ich klar sehen.
Wie das Kamel, das angeblich den Kopf in den Sand steckt, um eine kommende Gefahr nicht sehen zu müssen, bilde ich mir ein: Wenn ich nicht sehen kann, werde ich auch nicht gesehen. Gesehen in dem, was nicht sehenswert ist. Den Abgründen in mir. Der Angst, „unliebbar“ zu sein.
Je näher ich Dir, Vater, komme, desto mehr staune ich, wie ungewaschen ich daherkomme. Dabei kenne ich den Ort der Reinigung.
Aber es scheint mir, es lohne sich kaum, mich waschen zu lassen – ich werde mich ja doch wieder mit Schmutz besudeln.
Trost
Selbst Paulus kennt das (Rö 7), und früher habe ich ihn kaum verstehen können. Aber je besser ich Gottes Gnade kenne, desto entsetzter bin ich, wie wenig ich sie annehme.
Wie ich an eigenem Festhalte. Ihm in vielem nicht oder kaum vertraue. Mich Ihm so wenig überlasse.
Ich bin getröstet, dass Du mir ein wenig von diesem Licht zumutest. Dass ein Teil meines Herzens doch aufschaut und hofft, den Rest mitzuziehen. Deine Gerechtigkeit besteht darin, meine Ungerechtigkeit zu tragen. Darum kann meine Gerechtigkeit auch nur darin bestehen, den an mir Ungerechten zu tragen – was sonst.
Heiligkeit
Schuld anderer zu tragen führt in die Ähnlichkeit mit Jesus. Alle Dinge sollen nicht in einer Nabelschau enden – sondern in das Eintreten in Deinen Weg.
Ich glaube, dass die Heiligkeit eines Einzelnen mehr bewirkt, als viele Jüngerschaftsschulungen. Auch wenn diese ihren Platz und ihren Wert haben und es wunderbar ist, dass diese mehr in das Bewusstsein rücken.
Die Bedeutung von Heiligkeit zu erkennen zieht mich in eine Verantwortung.
Zum einen, um um „Arbeiter für den Weinberg“ zu bitten – ja, zu schreien.
Zum anderen auch: Das Maß an Heiligkeit, zu dem Du mich wandeln willst, anzunehmen und mit brennendem Herzen auszufüllen.
Flamme entzündet sich an Flamme. Nicht an Reden über Flammen.
Wächst dadurch auch die Erkenntnis der Schuld, der ich der Liebe zu Gott und Bruder schuldig bleibe, bleibt doch kein Rückzug in demütige Neutralität.
Denn die Gnade wird groß, wo die Erkenntnis der Schuld klar wird.